Aufbruch ins Lotterleben

Auch als ich um drei Uhr morgens durch irgendwas geweckt wurde, regnete es noch. Na, ob das später was wird mit der Fahrt über diese abenteuerliche Route? Ich sah mich schon den riesigen Umweg retour über den Farolapass und Guantanamo kurven. Etwas unruhig schlief ich wieder ein und wachte kurz nach sechs wieder auf weil ich … nichts hörte. Es gurgelte nicht einmal mehr ablaufendes Wasser irgendwo rum. Als wir um halb acht frühstückten, sah ich, dass auch mal ein Bus in unsere Richtung fuhr. Na, dann scheint die Brücke ja nicht überflutet zu sein. Wir brachen also wie geplant um halb acht Richtung Moa auf. Als wir an der Behelfsbrücke ankamen, stand das Wasser unwesentlich höher als gestern. Ohne Probleme kamen wir an das andere Ufer. Alle anderen Brücken sollten ja noch stehen. Wenngleich die 15-20 cm breiten Spalte zwischen Brückenkörper und Auflager am Ufer einiger Brücken, nur noch verbunden durch einige Stränge vor sich hinrostenden Armierungseisens, Zweifel an deren Stabilität aufkommen lassen können. In höchster Konzentration suche ich den Weg auf der Strecke, die einmal eine Straße gewesen ist. Echte Überraschungen zur Straßenqualität gibt es nicht mehr. Nur die Schlammschlacht nahe Moa hatten wir nicht erwartet. Die Gegend gleicht einer Mondlandschaft. Dort treibt eine Kupfermine ihr Unwesen. Es riecht übel nach Schwefel, aus großen Kaminen dringt dicker Qual und zieht träge Richtung Meer davon. Der nächste Regen wird ihn direkt hineinwaschen. Kurz danach erreichen wir Moa. Für diese ersten 70 von mehr als 300 Km haben wir zweieinhalb Stunden gebraucht. Mit drei hatte ich gerechnet. Wir lagen gut in der Zeit, weil wir uns vorgenommen hatten gegen 1600 Uhr anzukommen, da wir den Hinweis bekamen, dass die Vermietstation des Autovermieters im Hotel um 16.30 Uhr schließt, spätestens. Schon etwas früher Niemanden mehr anzutreffen sei nicht unüblich, hatte es bei unserer Einweisung in Havanna geheissen. Also besser um 1600 da sein. In Moa wollten wir Fahrerwechsel machen. An einer größeren Tanke stand gerade einer der Reisebusse mit einer Touristengruppe. Die wissen in der Regel wo sie Halt machen können. Also bin ich kurzentschlossen auch abgebogen. Als ich auf den Bus zusteuere, um mich daneben zu stellen, sehe ich links von mir aus dem Augenwinkel eine Frau aus der Gruppe sich die Beine vertreten. Hä, die kenne ich doch. Ist das nicht jemand aus meinem Team? Ich parke und steige aus, sage meiner Frau noch was ich glaube und gehe hinterher. Und tatsächlich, da sitzt Sabine auf einem Mäuerchen und sieht etwas geschafft aus. Das Hallo ist groß und sie erzählt mit Wikinger Reisen unterwegs zu sein, die hier eine kombinierte Rad-Busrundreise veranstalten. Sie ist bei einer dieser Radtouren angefahren worden und hat sich an den Knien verletzt. Gott sei Dank sind die Knochen aber heil geblieben. Nach kurzem Gespräch drängt ihr Reiseleiter zum Aufbruch. Sie fahren heute auch noch in unsere Zielregion, allerdings ist der Rückflug bereits morgen. Da bleibt nicht viel Zeit für ein Bad im Meer. Wir bleiben noch auf dos cafe und ziehen dann auch weiter.
Ein Stückchen nach Moa wird die Straße deutlich besser. Hoffentlich bleibt das so. Nur zwei Ortsdurchfahrten sind noch etwas komplizierter, da die Straßen übel ramponiert sind und unsere Karten hier wieder überhaupt nicht stimmen. Wir folgen einem Lkw, von dem wir vermuten, daß er den Ort durchquert. Der tut uns auch den Gefallen und danach geht es fast problemlos bis kurz vor das Mausloch. Das Problem zeigt in Gestalt eines imposanten Polizisten, der an einem dieser zahllosen Kontrollpunkte stand. Er war alleine, wir auch und so meinte er uns herauswinken zu müssen. Wortlos wanderte er gemessenen Schrittes von meiner Seite, auf der ich schon das Beifahrerfenster geöffnet hatte, um das Auto herum auf die Fahrerseite. Traudl fuhr das Fenster ebenfalls herunter und grüßte freundlich. Über das Verhalten gegen über den Polizisten, ihrer Allmacht, den nicht vorhandenen Rechtsstaat und anderer Dinge mit höchst unerfreulichen Folgen, hatten wir ebenfalls intensive Belehrungen und reichlich Aufklärungsmaterial erhalten. Diese Risiken sollten uns doch jetzt nicht eine Viertelstunde vor Ende unserer Selbstfahrertour einholen? Es sah fast danach aus. Ohne den Gruß zu erwidern, sagte er kaum hörbar „Documentos“. „Passaporte“ fragte ich nach, „Si“ kam knapp und ohne Blickkontakt zurück. Wir händigten beide Papiere aus, er wanderte wieder langsam auf die Beifahrerseite zurück, sah kurz hinein und begann dann auf spanisch ein paar Worte mehr zu sagen. Wir verstanden nur Bahnhof, ich antwortete ihm mit einem entschuldigendem „no hablar espanol“, was seine Miene verdüsterte. Er begann eindringlich auf mich einzureden, aber ich konnte nur mit den Schultern zucken. Man merkte, dass er ungeduldig wurde und seine Stimme hob sich. Er ging nun deutlich schneller zum Fahrbahnmittelstreifen und zeigte auf die beiden durchgezogenen Striche. Ist schon klar Officer dachte ich mir, jetzt willst du uns weiß machen, dass wir die überfahren haben. Haben wir aber nicht. Auf den Disput wollte ich mich wohlweislich aber nicht einlassen. Also stellte ich mich weiter dumm und gab vor ihn nicht zu verstehen. Man muss nämlich wissen, dass Polizisten eine Multa (Bußgeld) nicht kassieren dürfen. Sie sind verpflichtet die in den Mietvertrag des Autos mit Begründung einzutragen. Wir wurden dringend davor gewarnt so was cash zu bezahlen. Den Schreibaufwand scheuen aber manche der Herren und wollen Bares sehen. Andere und dazu gehörte wohl unser Exemplar, erfinden eine Vergehen und bereichern sich damit. Da er an seiner Station alleine Dienst tat, hatte er auch keine lästigen Zeugen bzw. Kollegen mit denen zu teilen wäre. Schließlich wurde ihm mein doofstellen wohl auch zu doof und er reichte die Pässe wieder ins Auto und machte eine knappe Handbewegung, wie beim Wegscheuchen einer lästigen Fliege. Puh, das war knapp – Glück gehabt.
Im nächsten Ort hatten wir nach kurzem Fragen dann auch noch die letzte, sehr versteckt liegende Tankstelle vor unserem Ziel gefunden und den Tank gefüllt. Kurz vor 4 Uhr am Nachmittag stellen wir das Auto an unserer letzten Station ab. Es wird noch ein bisschen Hin und Her, warum sollte das jetzt auch auf Anhieb klappen, weil es eigentlich zwei verbundene Hotelanlagen sind. Das steckt offenbar hinter dem Namen Sol Mares y Luna. Wir sind zufällig bei Luna vorgefahren, da existiert aber keine Rezeption mehr. Also wieder ins Auto und rüber zu Mares. Dort erfahren wir, ja, hier sind wir richtig. Aber, der Mietwagenschalter ist drüben bei Luna. Wenn es zeitlich nicht schon knapp wäre mit der Autorückgabe, würde mich das ja gar nicht mehr bewegen, aber wir hatten auch zu den „Gepflogenheiten“ der Mietwagenfirmen üble Beispiele geschildert bekommen. Eine davon passt super in unser Szenario. Mietwagenstation schließt früher, Kunde kann Auto erst am nächsten Tag abgeben, Mietwagenfirma stellt zusätzlichen Miettag in Rechnung zuzüglich Strafgebühr von bis zu 200€. Ich lade also ruckzuck das Gepäck aus, lasse Traudl mit dem Dienstmann zurück, fahre wieder rüber zu Luna, suche den Schalter, den ich in Form eines Stuhles mit kleinem Tisch und angenageltem Firmenschild finde. Jedoch keinen Vertreter der Firma. Fragen hilft nicht, keiner weiß was. Ich lasse das Auto stehen, latsche zu Fuß rüber zu Mares und checke erstmal mit Traudl ein. Als wir unser Zimmer beziehen, stellt sich erstmal ein WOW-Gefühl ein. Was für einAusblick! Ich versuche noch bis 1800 Uhr immer wieder jemanden bei der Mietwagenfirma anzutreffen – dann gebe ich auf.
Jetzt erfreuen wir uns erst einmal an dem super Buffet hier.
Am nächsten Morgen leider das gleiche Bild – niemand da, keiner weiß was. Nach dem Frühstück treffen wir einen Vertreter von Senses of Kuba über die wir Auto, die Übernachtungen in Havanna und hier gebucht hatten. Ihm schildere ich das Problem. Er nickt kurz, zückt sein Handy redet kurz mit jemandem und verkündet dann, dass in 10 Kubaminuten jemand da sein würde. Der ist halt gerade beim „Autowaschen“. Nach erstaunlich kurzen 10 Kubaminuten ist der Herr tatsächlich da. Die Autorückgabe ist sehr schnell erledigt und wir haben eine Kopie des Mietvertrages mit der Bestätigung, dass es keine Restforderungen gibt. Jetzt fällt meine Restspannung ab, das Thema hatte mir noch im Magen gelegen.

Die Tour war anstrengend und die verbleibenden Tage werden wir hier abhängen, baden, gut essen, Drinks genießen und von unseren Erlebnissen träumen.

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Ein Kommentar zu „Aufbruch ins Lotterleben

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